Einsatz von medizinischem Cannabis bei Darmerkrankungen

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Seit Jahrhunderten wird Cannabis als Medizin zur Behandlung von verschiedenen Magen-Darm-Erkrankungen eingesetzt. Die Entdeckung der körpereigenen Cannabinoide (Endocannabinoide), der zugehörigen Rezeptoren (CB1 und CB2) sowie die Stoffwechselmechanismen – zusammenfassend als Endocannabinoid-System (ECS) bezeichnet – ermöglichte gerade in den vergangenen Jahren verschiedene Studien, in der die Bedeutung des ECS im Zusammenhang mit dem Magen-Darm-Trakt untersucht wurde. Diese haben unter anderem Hinweise darauf geliefert, dass die Konzentration von Endocannabinoiden und/oder Cannabinoidrezeptoren in Biopsieproben von Patienten mit Darmerkrankungen wie Divertikulitis, Reizdarmsyndrom sowie entzündlichen Darmerkrankungen verändert sind, was auf eine wichtige Rolle des ECS bei der Entstehung von Darmerkrankungen schließen lässt.[1, 2, 3]

Einfluss des ECS auf die Darmbewegung

Eine der Hauptaufgaben des Endocannabinoid-Systems im Darm ist die Regulation der Darmmotilität (Darmbewegung). Hierbei spielen CB1-Rezeptoren, die sich im Darm nachweisen lassen, eine wichtige Rolle bei der Hemmung der Muskelkontraktionen im Darm, wodurch die Bewegung der Nahrung durch den Verdauungstrakt verlangsamt wird. Dies kann besonders nützlich sein, wenn es darum geht, Durchfall oder andere motilitätsbedingte Probleme zu behandeln.

Eine Studie zeigte, dass die Aktivierung von CB1-Rezeptoren die Darmmotilität hemmen kann, was auf eine therapeutische Rolle von Cannabinoiden beim Reizdarmsyndrom oder Durchfall hindeutet.[4]

Schutz der Darmbarriere

Die Darmbarriere ist entscheidend für die Aufrechterhaltung der Darmgesundheit, da sie schädliche Bakterien und Toxine daran hindert, in den Blutkreislauf einzudringen. Wenn diese Barriere gestört ist, was als „Leaky Gut“ bekannt ist, können Entzündungen und eine Vielzahl von gesundheitlichen Problemen auftreten. Es wird angenommen, dass das ECS dabei helfen könnte, die Darmbarriere zu schützen. So zeigte eine Studie, dass die Aktivierung der CB1-Rezeptoren die Darmschleimhaut stärkte und Schäden an der Darmbarriere verringert. Vor allem bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen könnte dies von Bedeutung sein.[5]

ESC und die Darmflora

Die Darmflora (Mikrobiom) ist ein zentraler Bestandteil der Verdauungsgesundheit und beeinflusst das Immunsystem. Studien deuten darauf hin, dass das ECS mit dem Mikrobiom interagiert und die Zusammensetzung der Darmbakterien beeinflussen kann, bzw. scheinen Endocannabinoide das Wachstum bestimmter Bakterien zu fördern, die mit einer gesunden Darmflora in Verbindung stehen.[6]

Medizinisches Cannabis beim Reizdarmsyndrom

Das Reizdarmsyndrom (RDS) ist weit verbreitet und äußert sich durch Symptome wie Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall oder Verstopfung. Mögliche Ursachen werden in einer gestörten Darmtätigkeit sowie Barrierefunktion der Darmwand oder einer erhöhten Immunaktivität in der Darmwand gesehen. Auch eine verstärkte Schmerzwahrnehmung wird diskutiert. Zudem ist bekannt, dass das Reizdarmsyndrom oft mit anderen Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen oder Fibromyalgie auftritt.

Bislang existieren nur wenige Studien, in denen die Wirkung von medizinischem Cannabis beim Reizdarmsyndrom untersucht wurde. An einer Studie nahmen 36 Patienten mit dem Reizdarmsyndrom teil, die in drei Gruppen eingeteilt wurden. An zwei aufeinander folgenden Tagen erhielten 13 Patienten ein Placebo, 10 Patienten nahmen 2,5 mg Dronabinol ein und 13 Patienten 5 mg Dronabinol. Im Ergebnis heißt es, dass Dronabinol 2,5 oder 5 mg zweimal täglich über zwei Tage keine Auswirkungen auf die Darmpassage hatte. [7]

In einer weiteren Studie heißt es, dass Cannabinoide die somatische Schmerzwahrnehmung verändern können, aber ihre Wirkung auf die viszerale Empfindlichkeit beim Reizdarmsyndrom bleibe unklar. Deshalb untersuchten die Forscher Dronabinol auf die rektale Empfindlichkeit. Die Wirkung von Placebo, 5 und 10 mg Dronabinol bei gesunden Freiwilligen und 10 mg Dronabinol bei Patienten mit dem Reizdarmsyndrom wurde an drei bzw. zwei verschiedenen Tagen untersucht.

Alle Teilnehmer berichteten von Nebenwirkungen wie erhöhte Wahrnehmung der Umgebung, Benommenheit und Schläfrigkeit, während bei Placebo keine Nebenwirkungen berichtet wurden. Obwohl der Blutdruck nicht beeinflusst wurde, erhöhte sich die Herzfrequenz bei den Teilnehmern. Die viszerale Wahrnehmung änderte sich nicht, sodass die Forscher schlussfolgerten, dass Dronabinol als Mittel zur Verringerung der viszeralen Überempfindlichkeit bei Patienten mit dem Reizdarmsyndrom wirkungslos sei. [8]

Der Einsatz von Cannabidiol (CBD) scheint hingegen vielversprechend. Auch wenn die Forschung zu CBD und Darmmotilität derzeit begrenzt ist, wären therapeutische Anwendungen bei Entzündungsreaktionen und Funktionsstörungen des oberen Gastrointestinaltrakts (z. B. Übelkeit und Erbrechen) denkbar. Allerdings sind weitere Forschungen in Bezug auf die Wirksamkeit von CBD zur Behandlung der Darmmotilität notwendig. [9]

Medizinisches Cannabis bei Morbus Crohn

Morbus Crohn ist eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung, die den gesamten Verdauungstrakt betreffen kann und schubweise verläuft. Betroffene leiden unter Symptomen wie Bauchschmerzen, Durchfall, Gewichtsverlust und Müdigkeit. Die genaue Ursache ist unklar, aber genetische Faktoren, das Immunsystem und Umweltfaktoren spielen bei der Entstehung der Krankheit eine Rolle. Zur Behandlung stehen verschiedene medikamentöse und nicht-medikamentöse Therapien zur Verfügung.

Die aktuelle Studienlage zum Einsatz von Medizinalcannabis bei Morbus Crohn ist noch sehr dünn. Zwar konnte beobachtet werden, dass die Anwendung von Cannabis die Lebensqualität der Patienten verbessern kann, inwieweit Cannabinoide die Erkrankung selbst beeinflussen, ist noch weitestgehend unklar.

Ausführliche Informationen zum Einsatz von medizinischem Cannabis bei Morbus Crohn bietet dieser Artikel.

Medizinisches Cannabis bei Colitis ulcerosa

Colitis ulcerosa gehört ebenfalls zu den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, deren Ursachen nicht vollständig geklärt sind. Ähnlich wie bei Morbus Crohn leiden Patienten schubweise unter Durchfall mit Blut oder Schleim, Bauchschmerzen, drängendem Stuhlgang, Gewichtsverlust und Erschöpfung. Zwischen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa gibt es jedoch wesentliche Unterschiede in ihrem Verlauf, ihrer Ausbreitung und den betroffenen Darmbereichen. Während Morbus Crohn jeden Teil des Verdauungstraktes befallen kann (von der Mundhöhle bis zum After) beschränkt sich Colitis ulcerosa ausschließlich auf den Dickdarm und beginnt in der Regel im Enddarm.

In Bezug auf den Einsatz von medizinischem Cannabis gilt im Grunde genommen das Gleiche wie bei Morbus Crohn. Zwar kann Cannabis die Lebensqualität der Betroffenen verbessern, ob Cannabinoide die Krankheit selbst beeinflussen, ist noch unklar.

Weitere Informationen zum Einsatz von medizinischem Cannabis bei Colitis ulcerosa bietet dieser Artikel.

Medizinisches Cannabis beim Reizdarmsyndrom

Das Reizdarmsyndrom (RDS) ist eine chronische, funktionelle Störung des Verdauungssystems, die vor allem den Dickdarm betrifft und durch wiederkehrende Bauchschmerzen sowie Veränderungen des Stuhlgangs gekennzeichnet ist. Die Symptome variieren stark und umfassen oft Durchfall, Verstopfung oder einen Wechsel zwischen beiden.

Die genaue Ursache ist unklar, jedoch spielen vermutlich mehrere Faktoren eine Rolle, darunter eine Störung der natürlichen Darmbewegung, eine erhöhte Durchlässigkeit der Darmschleimhaut oder eine gestörte Darmflora. Dabei können Stress und emotionale Belastungen die Symptome verschlimmern.

Die Behandlung richtet sich nach den individuellen Symptomen und reicht von Ernährungsanpassungen über Medikamente bis hin zu psychologischen Therapien. Ein personalisierter Ansatz, der die spezifischen Auslöser und individuellen Reaktionen berücksichtigt, gilt als besonders wirksam.

Die Studienlage zu medizinischem Cannabis beim Reizdarm ist aktuell nicht ausreichend, um eine Wirksamkeit bestätigen zu können.

Weitere Informationen zum Thema Cannabis als Medizin beim Reizdarmsyndrom gibt es in diesem Artikel.

Zusammenfassung zu Cannabis bei Darmerkrankungen

Wenn es um die Gesundheit geht, ist der Darm von zentraler Bedeutung. Er ist nicht nur für die Aufnahme von Nährstoffen und die Verdauung von Nahrung verantwortlich, sondern ist auch eng mit dem Immunsystem verbunden. Reguliert werden die Funktionen des Magen-Darm-Traktes unter anderem vom Endocannabinoid-System (ECS), das für zahlreiche physiologische Prozesse im Körper verantwortlich ist wie die Schmerzwahrnehmung und Entzündungsprozessen.

Trotz der Beteiligung des ESC von bestimmten Magen-Darm-Funktionen, gibt es immer noch viele Wissenslücken im Verständnis der genauen Mechanismen. Es wird also noch viel Forschung notwendig sein, um die Wirkmechanismen herauszufinden und um daraus ggf. Behandlungsoptionen mit Cannabinoiden ableiten zu können.

Die Inhalte dieses Artikels sind ausschließlich zu Informationszwecken bestimmt und stellen weder eine Beratung noch eine Anwendungsempfehlung für Medikamente, Cannabis oder andere Produkte dar. Auch dienen die Inhalte nicht zur Erstellung einer eigenständigen Diagnose oder Auswahl einer Behandlungsmethode. Für Schäden oder Ähnliches, die durch die Nutzung der Inhalte entstehen, kann Greensby weder direkt noch indirekt haftbar bzw. zur Verantwortung gezogen werden. Wir empfehlen grundsätzlich, das Gespräch mit einem Arzt zu suchen.

Quellen

[1] DiPatrizio NV. Endocannabinoids in the Gut. Cannabis Cannabinoid Res. 2016 Feb;1(1):67-77. doi: 10.1089/can.2016.0001. Epub 2016 Feb 24. PMID: 27413788; PMCID: PMC4940133, Download vom 10.10.2024 von https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4940133/

[2] Cuddihey H, MacNaughton WK, Sharkey KA. Role of the Endocannabinoid System in the Regulation of Intestinal Homeostasis. Cell Mol Gastroenterol Hepatol. 2022;14(4):947-963. doi: 10.1016/j.jcmgh.2022.05.015. Epub 2022 Jun 22. PMID: 35750314; PMCID: PMC9500439, Download vom 10.10.2024 von https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC9500439/

[3] Lee Y, Jo J, Chung HY, Pothoulakis C, Im E. Endocannabinoids in the gastrointestinal tract. Am J Physiol Gastrointest Liver Physiol. 2016 Oct 1;311(4):G655-G666. doi: 10.1152/ajpgi.00294.2015. Epub 2016 Aug 18. PMID: 27538961, Download vom 10.10.2024 von https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27538961/

[4] Izzo AA. Cannabinoids and intestinal motility: welcome to CB2 receptors. Br J Pharmacol. 2004 Aug;142(8):1201-2. doi: 10.1038/sj.bjp.0705890. Epub 2004 Jul 26. PMID: 15277313; PMCID: PMC1575197, Download vom 10.10.2024 von https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1575197/

[5] Karwad MA, Couch DG, Theophilidou E, Sarmad S, Barrett DA, Larvin M, Wright KL, Lund JN, O’Sullivan SE. The role of CB1 in intestinal permeability and inflammation. FASEB J. 2017 Aug;31(8):3267-3277. doi: 10.1096/fj.201601346R. Epub 2017 Apr 12. PMID: 28404744, Download vom 10.10.2024 von https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28404744/

[6] Cani PD, Plovier H, Van Hul M, Geurts L, Delzenne NM, Druart C, Everard A. Endocannabinoids–at the crossroads between the gut microbiota and host metabolism. Nat Rev Endocrinol. 2016 Mar;12(3):133-43. doi: 10.1038/nrendo.2015.211. Epub 2015 Dec 18. PMID: 26678807, Download vom 10.10.2024 von https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26678807/

[7] Wong BS, Camilleri M, Eckert D, Carlson P, Ryks M, Burton D, Zinsmeister AR. Randomized pharmacodynamic and pharmacogenetic trial of dronabinol effects on colon transit in irritable bowel syndrome-diarrhea. Neurogastroenterol Motil. 2012 Apr;24(4):358-e169. doi: 10.1111/j.1365-2982.2011.01874.x. Epub 2012 Jan 30. PMID: 22288893; PMCID: PMC3775711, Download vom 10.10.2024 von https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22288893/

[8] Klooker TK, Leliefeld KE, Van Den Wijngaard RM, Boeckxstaens GE. The cannabinoid receptor agonist delta-9-tetrahydrocannabinol does not affect visceral sensitivity to rectal distension in healthy volunteers and IBS patients. Neurogastroenterol Motil. 2011 Jan;23(1):30-5, e2. doi: 10.1111/j.1365-2982.2010.01587.x. Epub 2010 Aug 16. PMID: 20718944, Download vom 10.10.2024 von https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20718944/

[9] Story G, Briere CE, McClements DJ, Sela DA. Cannabidiol and Intestinal Motility: a Systematic Review. Curr Dev Nutr. 2023 Jul 17;7(10):101972. doi: 10.1016/j.cdnut.2023.101972. PMID: 37786751; PMCID: PMC10541995, Download vom 10.10.2024 von https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC10541995/

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Autorin

Alexandra Latour

Alexandra Latour hat mehr als zehn Jahre Erfahrung als Redakteurin und freiberufliche Autorin in der Health-Care-Branche. Anfang 2017 übernahm sie die Stelle als stellvertretende Chefredakteurin bei Leafly Deutschland und eignete sich in den darauffolgenden Jahren eine umfangreiche Fachexpertise in den Themen medizinisches Cannabis und frei käufliche CBD-Produkte an. Inzwischen ist Alexandra in der Cannabis-Branche fest verwurzelt und setzt sich neben ihrer Haupttätigkeit als Medizinredakteurin für die Aufklärung ein. Bitte beachten: Die Inhalte der Artikel sind ausschließlich die persönliche Meinung der Autorin und spiegeln nicht zwingend die Ansichten des gesamten Teams wider.

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